Presse
Die Handwerker - Märkische Allgemeine Zeitung vom 28.03.09
Er ist Musikchef der RBB-Welle Radio Eins, sie tischt als „Running Housewife“ bei Partys auf. Beide verbindet die Liebe zu Musik und guter Küche. Ein Besuch bei Peter und Albena Radszuhn.
Von Torsten Gellner
Pasta in Form von Notenschlüsseln kann man kaufen. Auch Bücher, die Wolfgang Amadeus Mozart aus der Küchenperspektive beleuchten („Der Wolfgang ist fett und wohlauf“, heißt das Werk). Dazu Folklore-CDs, die beim Pizzabacken und Gulaschkochen dienlich sein sollen. Die Verwandtschaft zwischen Musik und Kochkunst ist inzwischen sogar wissenschaftlich abgesegnet. Der Kulturwissenschaftlerin Renate Preuß fiel auf, dass die Quinte in der Musik mit ihrem Schwingungsverhältnis von zwei zu drei dem Mürbeteig mit seinem Butter-Mehl-Verhältnis von zwei zu drei auf frappierende Weise ähnelt.
Vielleicht hätte man auch einfach Albena und Peter Radszuhn fragen können. Die erzählen munter von ihren beiden großen Leidenschaften, vom Kochen und von der Musik. Leidenschaften, die nicht ganz unschuldig daran waren, dass die beiden überhaupt zusammengekommen sind. Peter Radszuhn, der silberhaarige Musikchef von Radio Eins, und seine Frau Albena, brünette Catering-Spezialistin. „Beides hat eben viel mit Lust und Sinnlichkeit zu tun“, sagt sie. Und er schwärmt von der Kreativität und der Handarbeit, die das Zubereiten von Speisen und das Auflegen von guter Musik einen.
Man trifft sich zum Plausch in der Potsdamer Altstadt, wo Albena Radszuhn ihren Laden hat. Zur Straße der Gastraum mit den maßgeschreinerten Holztafeln und dem Nierentischchen in der Ecke, hinten das Büro (unaufgeräumt) und die Küche (blankgeputzt). Als „Running Housewife“, als rennende Hausfrau also, kocht Albena Radszuhn seit dreieinhalb Jahren für Veranstaltungen in Potsdam, Berlin und drumherum.
„Running Housewife“ hatte sie sich vor Jahren als Spitzname von ihrem Mann eingefangen, als sie anfing, durch die Parforceheide am Potsdamer Stadtrand zu joggen. Mit ihrer Catering-Agentur habe sie einen Traum verwirklicht, sagt die 43-Jährige. Eigentlich hatte sie ja einen anderen Traum, wollte Slawistik studieren, damals in der DDR, aber im Ausland studieren durfte sie nicht, weil sie eine West-Oma hatte: „Ich wurde drei mal abgelehnt, und nur studieren, um zu studieren, wollte ich nicht.“ Also wurde sie Schneiderin, erstmal.
Peter Radszuhn ist 54 und war erst einmal Punk. Ende der 1970er spielte er Gitarre bei der Band Tempo und legte im legendären SO 36 in Berlin-Kreuzberg auf, als es da noch wild und avantgardemäßig zuging. Zu dieser Zeit verzehrte Radszuhn in der Kreuzberger Lokalität „Exil“, einem bourgeoisen Treff für Intellektuelle und Künstler vom Schlage Martin Kippenbergers, seinen ersten Tafelspitz. „Und da trank ich meinen ersten guten Rotwein.“ Sicherlich mag die Tatsache, dass dort der Tempo-Saxophonist hinter dem Tresen, also an der Weinquelle stand, ihr Übriges dazu beigetragen haben. Jedenfalls war Radszuhn auf den Geschmack gekommen.
Wie sich das mit der Punk-Dosenbier-Attitüde vertrug? „Naja“, sagt Radszuhn. „Ich war damals 24, kochte schon ganz gerne. Und wir alle wollten etwas vom guten Leben abhaben.“ Mitte der 80er, Radszuhn arbeitete inzwischen als Produzent bei den Berliner Hansa-Studios, war Dosenbier völlig passé und er investierte in die erste Kiste feinen Weines. Als er knapp zehn Jahre später Albena Radszuhn kennenlernte, war aus der Kiste ein Weinkeller mit 500 Flaschen geworden.
Seine Freunde rieten ihm, die Leidenschaft zum Beruf zu machen, und hey, warum nicht einen Weinladen aufmachen? „Den Mut hatte ich nicht“, sagt er. „Aber sie“, ruft er und stubst die Gattin: „Sie hatte den Arsch in der Hose.“ Nicht nur der Arsch in der Hose, auch Unkraut und Johannes Mario Simmel haben Albena Radszuhn zu dem gemacht, was sie heute ist.
„Meine Eltern hatten ein Wochenendgrundstück, im Garten gab es immer viel zu tun“, sagt sie. „Statt Unkraut zu zupfen habe ich lieber gesagt: Leute, ich bereite schon mal das Essen vor.“ Und dann war da noch Thomas Lieven, der Geheimagent aus Simmels „Es muss nicht immer Kaviar sein“, der eine Schwäche für Frauen und für ausgefallenes Essen hat. „Ich habe angefangen, die Rezepte aus dem Buch nachzukochen.“
Heute schlägt Albena Radszuhn als Running Housewife aus den Simmel-Lektionen Kapital. Sie steht tagsüber in der Küche, mal mit Zettel und Papier, wenn sie neue Rezepte ausprobiert. Abends kann sie dann keine Kochtöpfe mehr sehen. „Fünf, sechs Mal die Woche koche ich“, sagt Peter Radszuhn, der das Gefühl des berufsbedingten Zuviel kennt. „Manchmal kann ich die Stereoanlage abends auch nicht mehr hochfahren.“
Das Händische, Handgemachte. Beim Essen, bei der Musik: Er schwärmt von der Wärme, der Tiefe, der Kraft, der Überlegenheit des Vinyl gegenüber den kalten Nullen und Einsen einer CD. Sie von Kochbüchern, Gewürzen, vom Schmecken, Riechen, Fühlen in der Küche. Radiomachen sei ähnlich wie Catering, meint Peter Radszuhn. Es komme auf Vielseitigkeit an, auf das Handwerk, mit Fastfood dürfe das nichts zu tun haben.
Die Handarbeit spielt bei Radio Eins im Gegensatz zu den meisten anderen Stationen noch eine Rolle, hier kümmern sich täglich drei Musikredakteure darum, was läuft, was nicht. Wo sich die Programmmacher anderswo auf die Empfehlungen der Marktforschung verlassen, geht man in dem Potsdamer RBB-Sender noch Wagnisse ein. Radszuhn gilt als einer der ersten, der „Wir sind Helden“, „Zweiraumwohnung“ oder Annett Louisan gespielt hat. „Ich habe mich der Marktforschung immer verweigert“, sagt er. Marktforschung will das Risiko ausschalten, sie funktioniert nach dem Prinzip: Was der Bauer nicht kennt, frisst er eh nicht. Eine Annahme, die Radio Eins widerlegt hat. „Die Leute werden gar nicht mehr gefragt, ob sie etwas vielleicht kennenlernen möchten“, meint er.
Kennenlernen ist jetzt, am Ende dieses Besuchs, ein notwendiges Stichwort. 1993 trafen sich Albena und Peter Radszuhn zum ersten Mal. Er war Musikredakteur bei der SFB-Jugendwelle Radio 4 You. Und aus der Damenschneiderin war eine Marketingfrau der Plattenindustrie geworden. Eines Tages, erinnert er sich, kam dieses schöne Wesen in die Redaktion geschwebt. Dieses Wesen hieß Albena. „Da saß einer und hatte sich hinter Musikzeitschriften verschanzt“, erinnert sie sich an ihr Hereinschweben.
Der Verschanzte hieß Peter. „Nach einem halben Jahr war uns klar, wohin die Reise gehen würde“, sagt er. Nämlich in Richtung Hochzeit. Peter Radszuhn, der Hobbykoch und Weinfreund, hatte ja keine andere Wahl, bei Albena musste er zugreifen. „Es war die erste Frau, die besser kochen konnte als ich.“
Kochen, schneidern, joggen „Running Housewife“ wird sesshaft
Von Jana Haase, PNN 16.10.2008
Heute Neueröffnung und morgen dreijähriges Jubiläum: Albena Radszuhn, die seit drei Jahren als „Running Housewife“ für Veranstaltungen in Potsdam, Berlin und Brandenburg kocht und unter anderem mit den „Potsdamer Schlosskeksen“ zugunsten des Wiederaufbaus des Potsdamer Stadtschlosses bekannt geworden ist, wird sesshaft. Heute Abend, von 16 bis 22 Uhr, feiert sie in der Gutenbergstraße 103 den Einzug in die eigenen Geschäftsräume. Für die passende Musik zur „Housewarming“-Party sorgt ihr Ehemann: Radioeins-Musikchef Peter Radszuhn.
Der ist gewissermaßen auch für den Namen zur Geschäftsidee verantwortlich, wie Albena Radszuhn erklärt: „Der Name existiert schon seit acht Jahren“, sagt sie. Ursprünglich sei es ein witzig gemeinter Spitzname gewesen: „Damals habe ich angefangen, regelmäßig zu joggen“, erklärt die gelernte Damenmaßschneiderin und studierte Marketingfachfrau. Irgendwie fand sie die Bezeichnung „Running Housewife“ aber auch in anderer Hinsicht passend: „Hausfrauen rennen ja von einer Sache zur anderen“, sagt die Potsdamerin, die damals gerade Hausfrau war.
Ihre Liebe fürs Kochen, Schneidern und Gestalten machte die Mutter einer Tochter dann vor fast genau drei Jahren zur Geschäftsidee: In der ersten Zeit schneiderte sie Kleider, etwa für Abibälle oder Konfirmationen, half bei der Inneneinrichtung von Wohnungen, malerte ganze Häuser und kochte, „was der Kunde wünscht“. Bis zu 100 Personen bewirtete sie im Alleingang und von Zuhause aus mit „regionaler saisonaler Küche mit Einflüssen aus Italien, Frankreich und Asien“, wie sie erklärt. Nur beim Servieren ließ sie sich bisher unterstützen.
Weil das Catering-Geschäft besonders erfolgreich lief, habe sie sich jetzt darauf konzentriert. Mittlerweile hat Radszuhn eine private Stammkundschaft, arbeitete aber auch für Veranstaltungen wie den Neujahrsempfang des Oberbürgermeisters, das Treffen der Wirtschaftsjunioren und die Verleihung des Tourismuspreises in der Brandenburgvertretung in Berlin. Zum Teil trat sie dabei auch in historischem Reifrock-Kostüm auf.
Die Geschichte liegt Albena Radszuhn offenbar auch sonst am Herzen: Mehr als 1500 der von ihr kreierten „Potsdamer Schlosskekse“ verkaufte sie im vergangenen Jahr. Ein Teil des Erlöses kommt dem Wiederaufbau des Potsdamer Stadtschlosses zugute: 20 Cent pro verkauftem Keks gehen an den Verein „Potsdamer Stadtschloss“.
Auch für das Oberlinhaus in Babelsberg engagierte sich die 43-Jährige und entwarf den „Tusnelda-Keks“, aus dessen Erlösen der Bau des Tusnelda-von-Saldern-Hauses für Unfallgeschädigte unterstützt werden soll, für das auch Schauspielerin Nadja Uhl seit Sommer 2007 als „Oberlinbotschafterin“ um Spenden wirbt.
Und nun also der eigene Laden. „Ich wollte das Geschäft endlich von Zuhause auslagern und eine klare Trennung zwischen Arbeit und privat haben“, erklärt Albena Radszuhn. Auf 65 Quadratmetern im Erdgeschoss in der Gutenbergstraße haben die Küche, das Büro und ein Gastraum Platz. Dort trifft klassisches Fachwerk auf dunkelblaue Holzdielen, Nierentisch auf Kronleuchter. Gästegruppen mit bis zu 25 Personen sollen dort sitzen können – bei Stehempfängen bis zu 50. Beginnen will Radszuhn zunächst ohne feste Öffnungszeiten – schließlich wird sie immer noch viel zu „rennen“ haben. Wie es der Name schon sagt.
